Buchrezension: "Healthy Justice: Überlegungen zu einem gesundheitsförderlichen Rechtswesen"*

Von Nadine Ochmann, Henning Schmidt-Semisch und Gaby Temme (Hrsg.), Springer VS, 2016

Gesundheitsförderung und Strafrechtssystem sind zwei verschiedene Welten – kann Restorative Justice das verbindende Element zwischen den beiden bilden? Das Strafrechtssystem steht in der Kritik, „Heilung“ bloß auf der abstrakten Ebene des Normbruchs zu bewirken, in seinen realen Wirkungen jedoch – absichtlich oder beiläufig – das Leid der Betroffenen zu mehren. Das Gefängnissetting erweist sich als der Gesundheit der Insassen (wie auch der Bediensteten) abträglich, Strafverfahren bergen für Opfer die Gefahr sekundärer Viktimisierung, und die Bedürfnisse des mitbetroffenen Umfelds bleiben weitgehend unberücksichtigt. Ansätze der Restorative Justice mit ihrem Fokus auf Reparation, Partizipation und (Wieder-) Herstellung des sozialen Friedens versprechen demgegenüber, den Beteiligten zu einer effektiven „Heilung“ der Tatfolgen und zu einer möglichen Gesundung zu verhelfen. 

In 12 Beiträgen beleuchten die Autorinnen und Autoren aus den Disziplinen Human- und Gesundheitswissenschaften, Strafrecht und Kriminologie, Psychologie und Soziologie sowie Soziale Arbeit die Möglichkeiten eines gesundheitsförderliche(re)n Rechtswesens.

  • Nadine Ochmann, Henning Schmidt-Semisch und Gaby Temme skizzieren einführend die Ausgangsüberlegungen des Buches, wobei sie Healthy Justice als eine „sensitivierende Perspektive“ (im Sinne von Scheerer) verstehen.
  • Johannes Stehr stellt das Potential der Konfliktbearbeitung als Wiederherstellung des sozialen Friedens in herrschaftsfreien Gesellschaften den Risiken der individuellen Schuldzuschreibung im modernen Strafrecht gegenüber.
  • Christine Graebsch erörtert Risiken, Nebenwirkungen und möglichen Nutzen gesundheitsbezogener Ansätze im Strafvollzug und problematisiert das medizinisch konnotierte Konzept der „Behandlung“.
  • Otmar Hagemann zeigt aus viktimologischer Perspektive die „ungesunden Anteile“ des herkömmlichen Umgangs mit Opfern und deren Bedürfnisse nach Heilung auf.
  • Nadine Ochmann und Katja Thane formulieren aus den Perspektiven der Pathogenese und der Salutogenese gesundheitswissenschaftliche Fragen an und für das Strafrechtssystem.
  • Henning Schmidt-Semisch analysiert das Strafjustizsystem als „Setting“ im gesundheitswissenschaftlichen Sinn und identifiziert Verbindungen zwischen Public Health und Restorative Justice.
  • Gaby Temme nimmt einen Überblick und eine erste Systematisierung von Restorative Justice als Healthy Justice vor und zeigt auf, wie sich diese in ihrer transformativen Dimension auch auf das Gesundheitswesen erstrecken kann.
  • Eduard Matt und Frank Winter präsentieren den Täter-Opfer-Ausgleich in seiner derzeitigen Ausgestaltung und in seinem Entwicklungspotential hin zu einer „Sozialen Mediation“ und einer gemeinschaftlichen Konfliktlösung.
  • Gabriele Klocke nimmt eine kritische Analyse der Rolle der Vergebung in der Restorative Justice vor und formuliert Bedingungen, unter denen Vergebung eine heilsame Wirkung entfalten kann.
  • Lioba Fricke diskutiert die gesundheitlichen Wirkungen von Mediation im Strafvollzug anhand der Erfahrungen eines Berliner Modellprojekts, in welchem Konflikte zwischen Anstalt und Gefangenen mittels Mediation bearbeitet wurden.
  • Otmar Hagemann präsentiert Gemeinschaftskonferenzen und andere Restorative Conferencing-Verfahren und zeigt das integrative Potential derartiger an der Lebenswelt und auf sozialen Frieden orientierter Ansätze auf.
  • Gaby Temme zeigt schließlich anhand von vier (mehr oder weniger) fiktiven Fallbeispielen auf, wie Healthy Justice mittels Restorative Justice verwirklicht werden kann.

Das Buch bietet einführende wie auch vertiefende Beiträge in die vielschichtige Thematik der Restorative Justice und bereichert die Diskussion über eine bedürfnisgerechte Tataufarbeitung um die Dimension der Gesundheitsförderung. Wiederholt wird dabei auf den Ansatz der Salutogenese von Antonovsky (1997) Bezug genommen, wobei dessen zentrales Konzept des „Kohärenzgefühls“ (mit seinen Aspekten der Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit) die Risiken des herkömmlichen Strafrechtssystems und die Chancen von Restorative Justice-Modellen besonders deutlich aufzeigt.

Die verschiedenartigen und facettenreichen Beiträge setzen sich zwar erst ansatzweise zu einem konsistenten Bild zusammen; sie regen jedoch zum weiteren Nachdenken und Vertiefen an. Das Buch inspiriert und ermutigt zu einem (vermehrten) interdisziplinären Dialog zwischen Strafjustizsystem und Gesundheitswissenschaften, der allen Beteiligten – den von Kriminalität Betroffenen wie auch den involvierten Professionellen – zugute kommen kann. So kann (nicht nur) mittels Restorative Justice an der wichtigen Brücke zwischen Gesundheitsförderung und Strafrechtssystem (weiter) gebaut werden.

Claudio Domenig, Dr. iur., Mediator SDM, Bern


*: Die Buchrezension ist in gekürzter Form im TOA-Magazin, Heft 2/2017 erschienen.

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