Neues TOA-Magazin: "Community" im TOA

Die Individualisierung von Straftaten und die Konzentration des Strafprozesses auf die primär beteiligten tatbetroffenen und tatverantwortlichen Personen, erscheint uns das ‚Normalste‘ und ‚Sinnvollste‘ der Welt zu sein. Die meiste Zeit in der Geschichte der Menschheit war der Umgang mit empfindlichen Normbrüchen einzelner Akteur*innen jedoch Angelegenheit der davon betroffenen sozialen Gemeinschaften. Erst mit der Entstehung staatlicher Strafsysteme rückten die primären Konfliktbeteiligten in den Fokus und wurden zu ‚Tätern‘ und ‚Opfern‘.

Es ist eine kriminologische Binsenweisheit, dass von Straftaten häufig mehr Menschen betroffen sind als die Direktbeteiligten: Familienangehörige, Freund*innen, die Gemeinde oder gar das gesamte Gemeinwesen können unter einer Tat und den Tatfolgen leiden. Inspiriert von indigenen Konfliktlösungspraktiken beziehen insbesondere Zirkelverfahren und das Conferencing Teile der indirekt betroffenen ‚Community‘ sowohl in die Konfliktbearbeitung als auch in die Umsetzung der Wiedergutmachungsvereinbarungen als stärkendes Element mit ein. Im Sinne des Verständnisses von Restorative Justice nach (z. B.) Howard Zehr klingt dies folgerichtig. Allerdings sind Bedeutung und Struktur der ‚Communities‘ von z. B. Menschen aus den First Nations in Kanada, den Maori in Neuseeland oder der Aborigines in Australien nur bedingt mit den vorhandenen sozialen Gemeinschaften im westeuropäischen Kontext zu vergleichen, wo von einer allmählichen Auflösung der traditionellen Gemeinschaften die Rede ist.

Kein Wunder, dass die Theorie sehr unterschiedlich in die Praxis umgesetzt wird und – je nach kulturellem Kontext und systemischer Anbindung – auf verschiedene Herausforderungen trifft: Der Begriff der Gemeinschaft wird unterschiedlich definiert und nicht immer können die primär Beteiligten selbst entscheiden, wer zum erweiterten Kreis dazugehören soll. In anderen Fällen ist es den Beteiligten gar nicht so recht, wenn weitere Personen von ihrem schambesetzten Fehlverhalten bzw. ihrer ggf. als demütigend erlebten Opferwerdung erfahren. In Neuseeland, das in der Literatur oftmals als Vorzeigeland für die Etablierung von Family Group Conferences genannt wird, entspricht einiges nicht mehr dem Sinne der Erfinder: Die Bedürfnisse der Betroffenen stehen nicht im Vordergrund, der Fokus liegt vielmehr auf der Sanktionierung der jugendlichen Tatverantwortlichen durch ihre Eltern und im gesamten Prozess sind die Professionellen omnipräsent.

In dieser Ausgabe möchten wir Sie zur Auseinandersetzung mit fünf verschiedenen Modellen einladen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: die klassische Mediation und der e-TOA in Deutschland, Sozialnetz-Konferenzen in Österreich, CoSA in Kanada sowie die traditionelle Jirga in Pakistan und Afghanistan. Wie Sie sehen werden, variieren die Zielsetzungen dieser Praktiken und damit auch die Vorstellungen von Art und erhofftem Nutzen der ‚Community‘-Einbeziehung. Welche Praxis entspricht am ehesten Ihrem Verständnis von Restorative Justice?

Bevor wir uns weiter mit dem Themenschwerpunkt dieser Ausgabe befassen, folgt zunächst eine ganz besondere (Selbst-)Vorstellung: Seit dem ersten April bereichert Johanna Muhl nicht nur die Redaktion des TOA-Magazins, sondern sie übernimmt die Leitung des TOA-Servicebüros! Sie setzt somit die Arbeit von Gerd Delattre fort, der nach jahrzehntelangem Einsatz voller Leidenschaft, Gestaltungskraft und Engagement für den TOA in den wohlverdienten beruflichen Ruhestand gegangen ist. Mit dem Schließen des einen Kapitels wird ein neues aufgeschlagen. Wir alle freuen uns darauf, in neuer Besetzung und mit vollem Tatendrang die Geschichte des TOA-Servicebüros und des TOA in Deutschland ein klein wenig mitweiterschreiben zu dürfen.

 

Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz 

Mitglied im:

European Forum for Restorative Justice Bundesverband Meditation

 

 

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