Neues TOA-Magazin Nr. 1/2017: Wo steht der TOA heute?

Seitdem der Täter-Opfer-Ausgleich in einem ersten Modellprojekt in Reutlingen erprobt worden ist, sind mehr als drei Jahrzehnte vergangen. Die Idee dahinter war weitreichender als die bloße Forderung nach Möglichkeiten der Wiedergutmachung im Strafrecht oder der Stärkung von Opferrechten. In der kriminalpolitischen Fachöffentlichkeit herrschte eine Art Aufbruchstimmung – vielleicht so ähnlich, wie sie derzeit mancherorts in Frankreich zu spüren ist. Es war die Rede von einem Paradigmenwechsel im Umgang mit Straftaten. Stellenweise ging es hierbei nicht nur um die praktische Problematik, wie mit Kriminalität umgegangen werden sollte, sondern um so elementare Fragen, wie und in welcher Gesellschaft man grundsätzlich miteinander leben wollte.

In den Folgejahren begann der TOA innerhalb relativ kurzer Zeit seine Erfolgsgeschichte zu schreiben: gesetzliche Verankerungen in JGG, StGB und StPO, Gründung des TOA-Servicebüros als überregionale Zentralstelle zur Ausbildung und fachlichen Unterstützung dieser neuen Praxis, die zunehmende Beauftragung von freien Trägern zur Durchführung des TOA, weitere ermutigende wissenschaftliche Erkenntnisse zum vielfältigen Potenzial des TOA bei der Bearbeitung von strafrechtlichen Konflikten, wiederkehrendes politisches Interesse, usw.

‚Otto Normalverbraucher‘ wird von alldem kaum etwas mitbekommen haben. Mehr noch: Die meisten Menschen haben noch nie etwas vom Täter-Opfer-Ausgleich gehört, geschweige denn, dass sie über Informationen zu den Möglichkeiten eines professionellen Vermittlungsangebots wie der Mediation in Strafsachen verfügen. Mit schätzungsweise 20.000-30.000 Fällen, die bundesweit jährlich von TOA-Fachstellen bearbeitet werden, ist der TOA alles andere als eine feste Größe innerhalb der Strafrechtspflege. Im Gegenteil, nach Berichten mehrerer TOA-Fachstellen ist selbst diese Randständigkeit gefährdet, und ihr Engagement für mehr Fallzuweisungen durch die Justiz erinnert nach all den Jahren an die Bemühungen Sisyphos‘, einen Felsblock einen Berg hinaufzuwälzen, nur um zuzusehen, wie dieser kurz vorm Ziel wieder ins Tal hinunterrollt.

Im diesmaligen Schwerpunktthema fragen wir, wo der TOA heute steht. Was können die Ursachen dafür sein, dass besonders in den letzten Jahren keine neuen großen Kapitel dieser Erfolgsgeschichte mehr geschrieben wurden? Die Gründe sind durchaus vielfältig und die Erkenntnisse unterscheiden sich wie ‚Angel‘ und ‚Köder‘, mit denen man im Teich der Erkenntnis auf Fischfang geht. Unserem Redaktionsteam war es wichtig, Ihnen eine kleine Auswahl an sehr unterschiedlichen Analysen, Reflexionen und auch an persönlichen Eindrücken anzubieten. Außer dieser Form der Standortbestimmung stellen wir Ihnen in diesem Heft verschiedene Handlungsmöglichkeiten vor, die Mitarbeitende von TOA-Fachstellen erfolgreich umsetzen, um unterwegs im Feld des TOA wieder mehr Fahrtwind zu spüren.

Trotz teilweise ernüchternder Bilanz geht es uns in erster Linie darum, unser aller Ziel nicht aus den Augen zu verlieren: dem TOA in Strafrechtspflege und Bevölkerung einen größeren Bekanntheitsgrad und mehr Anerkennung zu verschaffen. Hierbei Fehlentwicklungen zu ignorieren, könnte zu einem Aktionismus führen, dessen Taten früher oder später verpuffen. Eine kritische Bestandsaufnahme ist ein erster Schritt, um dies zu verhindern.

Neben dem Themenschwerpunkt beinhaltet die vorliegende Ausgabe einige Einzelbeiträge sowie einen ersten Debattenbeitrag zur Frage nach der Geltung des Mediationsgesetzes für die Mediation in Strafsachen im Rahmen des Täter-Opfer-Ausgleichs. Hierzu haben wir Thomas Trenczek und Arthur Hartmann interviewt, die eine Geltung aus rechtswissenschaftlicher Sicht bejahen und in der Vergangenheit in diversen Fachbeiträgen hierzu Stellung bezogen haben.

Im nächsten Heft wird Bernd-Dieter Meier darauf antworten und dabei eine etwas andere Sichtweise darlegen. Wir freuen uns, wenn Sie sich an der weiteren Debatte mit Textbeiträgen beteiligen.

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