Neues TOA-Magazin Nr. 2/2017: Heilende Wirkungen von Restorative Justice-Prozessen

Was würden Sie antworten, wenn Sie gefragt werden, was Sie unter ‚Restorative Justice‘ verstehen? Ob im internationalen Raum oder auch nur in deutschen Fachkreisen: Der Begriff ist inzwischen zu einem „begrifflich verwässerten ‚Modewort‘" (Claudio Domenig) geworden, das viel Interpretationsspielraum lässt. Für die einen ist es eine Bewegung, ein neues Paradigma im Umgang mit Straftaten, eine Vision. Für die anderen ist es eine technische Bezeichnung, eine reparative Sanktionsform oder eine auf Wiedergutmachung setzende Akzentuierung in der Kriminalpolitik. Diese begriffliche Unschärfe scheint die Übersetzung des englischsprachigen Begriffs ins Deutsche nicht unbedingt leichter zu machen. In der deutschen Fachwelt ist es weitgehend Konsens, den englischen Begriff zu verwenden – was genau damit auch immer gemeint sein mag.

Im letzten Jahr wurde der deutsche Diskurs von Elmar G. M. Weitekamp mit folgender Information überrascht: ‚Restorative Justice‘ hat deutsche Wurzeln und ist die englische Übersetzung des Begriffs ‚Heilende Gerechtigkeit‘ – „einer theologischen Theorie von Recht und Gerechtigkeit“. Vermutlich wird die eingangs skizzierte Problematik des Begriffsverständnisses und dessen zeitgenössischer Übersetzung mit diesem Fund nicht gelöst. Der Begriff der ‚Heilenden Gerechtigkeit‘ schwenkt den Fokus jedoch auf einen sehr bedeutsamen Aspekt, der seit der gleichnamigen Veröffentlichung von Nadine Ochmann, Henning Schmidt-Semisch und Gaby Temme (2016) in Deutschland mit dem Begriff der „Healthy Justice“ in Verbindung gebracht werden kann. Es geht um die positive Wirkung von Restorative-Justice-Prozessen auf das gesundheitliche Wohlbefinden aller Konfliktbeteiligten.

Das Schwerpunktthema der neuen Ausgabe lag damit schnell auf der Hand. Im Anschluss an den Leitartikel von Weitekamp zu den historischen Wurzeln des Restorative Justice-Konzepts beschäftigen sich die Folgebeiträge u. a. mit der Wirkung von Restorative-Justice-Praktiken in Bezug auf Beziehungsheilung, Resilienz, Traumatisierung und Transformative Justice. Eine grundlegende Voraussetzung für das Eintreten möglicher heilsamer Effekte ist die Freiwilligkeit aller Konfliktbeteiligten. Das Interview mit Jan Philipp Reemtsma gewährt Einblicke in eine Betroffenenperspektive, aus der heraus eine weitere, persönliche Auseinandersetzung mit Tat und Tatverantwortlichem nicht erwünscht sind, und eine Teilnahme an einem Angebot der Restorative Justice voraussichtlich mehr schaden als ‚heilen‘ würde.

Wie in Heft 1/2017 angekündigt, wird mit einem Beitrag von Bernd-Dieter Meier die Debatte um die Frage nach der Geltung des Mediationsgesetzes für die Mediation in Strafsachen im aktuellen Heft fortgesetzt. Ein weiteres Thema, das uns zukünftig häufiger beschäftigen wird, ist das internationale Phänomen des „Implementation Gap“: In vielen anderen Ländern sehen sich Verfechter*innen der RJ ebenfalls mit der Problematik konfrontiert, dass zwar qualitativ hochwertige Angebote der Restorative Justice zur Verfügung stehen, diese jedoch verhältnismäßig wenig Anwendung finden.

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