Neues TOA-Magazin: Professionalisierung und die 'Eigenkraft' der Betroffenen

So alltäglich Konflikte sind, so alltäglich ist es auch, dass die Beteiligten diese selbst lösen oder zumindest einen Weg finden, wie sie in Zukunft miteinander umgehen können. Bei strafrechtlich relevanten Konflikten ist das nicht anders. Einige Straftaten werden erst gar nicht zur Anzeige gebracht, eben weil sie für die Beteiligten erledigt sind. Und in den Fällen, in denen die Betroffenen ihren Konflikt per Anzeige an die Justiz abtreten, weil sie sich Unterstützung bei der Lösung ihres Problems erhoffen, sind die Enttäuschungen oft groß.

Zur Klärung der (strafrechtlich relevanten) Konflikte, mit denen die Beteiligten ohne die Unterstützung von Dritten überfordert wären, haben sich Angebote der Restorative Justice international bewährt. Was als visionäre Idee einer ‚Gesinnungsgemeinschaft‘ aus Wissenschaft, Praxis und Justiz begann, entwickelte sich in den letzten 30 Jahren vielerorts zu einem weiteren ‚Dienstleistungsangebot‘ von psychosozialen Berufsgruppen (vgl. Delattre: 4), das – wenn auch meist mehr schlecht als recht – ins Justizsystem integriert worden ist. Diese Entwicklung hat in Teilen zu einer Entfremdung von der eigentlichen Idee geführt: den Betroffenen ihre Konflikte ‚zurückzugeben‘ und diese innerhalb ihrer Gemeinschaft zu bearbeiten.

So belegen Tim Chapman und Annemieke Wolthuis am Beispiel von Großbritannien und Australien, wie die Institutionalisierung von Restorative Justice zu „einer Verwässerung der restorativen Schlüsselprinzipien wie Inklusion, Teilhabe an der Entscheidungsfindung, Berücksichtigung von Opferbedürfnissen und Wiedergutmachung“ (S. 25) führen kann. In Deutschland wiederum – um an dieser Stelle nur ein ‚Fass‘ aufzumachen – wird die Fähigkeit zur Mediation in Strafsachen von manchen als Privileg spezialisierter Akademiker*innen verstanden. Aus berufspolitischen Gründen wollen die Expert*innen unter sich bleiben. Dies widerspricht dem Grundgedanken von Restorative Justice – und auch den UN Basic Principles on the use of Restorative Justice, in denen es heißt, dass die Vermittler*innen aus allen Gesellschaftsschichten zu rekrutieren sind.

Anknüpfend an den Ausgaben „Sackgassen und Irrwege für Restorative Justice“ (01/2016) und „Das Für und Wider von Ehrenamt“ (02/2016) führen wir in der vorliegenden Ausgabe den Diskurs über unerwünschte Nebenwirkungen der Professionalisierung und Institutionalisierung von Restorative Justice fort. Wir erweitern das Blickfeld um mehrere internationale Perspektiven und setzen dabei an folgender Frage an: Was braucht ein ‚guter‘ TOA? Konkreter: Welche Rahmenbedingungen sind förderlich, um eine möglichst selbstbestimmte und nachhaltige Konfliktvermittlung zwischen den Beteiligten ermöglichen zu können? Angefangen bei der institutionellen Anbindung der Mediator*innen, den Zugangsvoraussetzungen für die Ausübung der Mediationstätigkeit bis hin zur Frage nach der Art des Beschäftigungsverhältnisses. Ferner geht es auch um die Bedeutung der Haltung und des Vertrauens der Mediator*innen in die eigenen Kompetenzen der Konfliktbeteiligten.

Außerhalb dieses Schwerpunktthemas und neben mehreren Einzelbeiträgen setzen Thomas Trenczek und Arthur Hartmann in dieser Ausgabe die Debatte über die Bedeutung des MediationsG für den Täter-Opfer-Ausgleich fort. In ihrer Replik auf den Artikel „Anwendbarkeit des Mediationsgesetzes auf den TOA“ von Bernd-Dieter Meier im letzten Heft scheint es so, als ob hier im Wesentlichen ein Konsens gefunden worden ist. Doch entscheiden Sie selbst!

Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz

Scroll to Top