Neues TOA-Magazin: "Verurteilen"

Eine differenzierte Kritik an der westlichen Justizpraxis war der Motor für die Entwicklung von Theorie und Praxis der Restorative Justice. Erst durch diesen Perspektivwechsel kam der interpersonelle Konfliktcharakter von Straftaten zum Vorschein. Seitdem werden in der RJ Rahmenbedingungen geschaffen, in denen Konflikte im gesamten Kontext – individuell wie sozial – aufgearbeitet, verstanden und im Sinne der Beteiligten lebensweltnah bearbeitet werden können.

In seinem aktuellen Buch „Verurteilen – Der strafende Staat und die Soziologie“ (2017, Suhrkamp) formuliert der französische Soziologe Geoffroy de Lagasnerie eine radikale Kritik am ‚strafenden Staat‘. Im Zentrum seiner Arbeit steht die Infragestellung von Gerichtsprozessen und Gerichten. Sein Ziel besteht darin zu zeigen, „bis zu welchem Grad die Modalitäten, durch die der Strafrechtsapparat sich entfaltet, in eine allgemeinere Ökonomie der Mächte und Wahrnehmungen eingebettet sind“ (S. 17). Auf der Grundlage mehrjähriger Beobachtungen von Pariser Gerichtsverhandlungen stellt er z. B. Transzendenz, Allgemeinheit und Neutralität als ‚Gründungsmythen‘ der Rechts- und Staatsordnung dar (S. 180) und dechiffriert die herrschende Justizpraxis als verschleierte Gewaltzufügung. Weiter beanstandet er die dekontextualisierte Individualisierung von Schuld und Verantwortungszuschreibung. Sein Postulat: Ein anderes Strafsystem, das „die Begriffe von Verantwortung, Strafbarkeit, Verbrechen, Strafe“ (S. 38) im Sinne eines „zivilen, horizontalen, singulären Rechts“ (S. 237) neu ausfüllt und ‚wirkliche‘ Gerechtigkeit schafft. Man könnte meinen, dass de Lagasnerie hiermit eine Steilvorlage für kriminalpolitische Schlussfolgerungen im Sinne einer RJ liefert. Irritierenderweise stellt er in seinem Buch jedoch keine Verbindung zwischen beidem her.

Für die einen ist „Verurteilen“ eine der besten, tiefgründigsten Kritiken des Strafrechtssystems seit Michel Foucault (Brunilda Pali). Für andere ist es ‚alter Wein in neuen Schläuchen‘, der sich nur als neu und facettenreich verkaufen lässt, solange der gesamte Diskurs kritischer Kriminologie, Psychoanalyse und ‚Antipsychiatrie-Bewegung‘ ausgeblendet wird (Frank Winter). Ungeachtet dieser und anderer Bewertungen sind Kritik und Fragen, die de Lagasnerie in seinem Buch aufwirft, für den deutschsprachigen Diskurs über eine alternative Justizpraxis hochaktuell und verlangen eine differenzierte, selbstkritische Auseinandersetzung. Mit dieser Ausgabe des TOA-Magazins schaffen wir hierfür ein Forum: Im Kontext des Themenschwerpunktes setzen sich international renommierte Wissenschaftler*innen aus angrenzenden Disziplinen mit de Lagasneries Kritik, ihren Forderungen und den daraus folgenden Implikationen für Recht, Soziologie, Kriminologie, Psychologie und RJ auseinander. Bevor Beiträge über de Lagasnerie folgen, lassen wir den Autoren in einem Interview zunächst selbst über die Kernelemente seiner Theorie und seiner Mahnung an die ‚RJ-Community‘ zu Wort kommen.

Darüber hinaus: Nachhaltig inspiriert von der 10th International Conference des European Forum for Restorative Justice in Tirana (siehe Bericht in Heft Nr . 2/18), greifen wir in dieser Ausgabe u. a. zwei von vielen Tagungshighlights auf: Dr. Marian Liebmann schreibt über die „Entwicklung von Restorative Cities in England“ und wir stellen Ihnen die diesmaligen Gewinner*innen des European Restorative Justice Awards vor: The Foresee Research Group aus Ungarn.

 

Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz 

Mitglied im:

European Forum for Restorative Justice Bundesverband Meditation

 

 

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