Verstehen und Vergeben: Interview mit Jan de Cock über Kernthemen der Restorative Justice

Köln, 23. November 2015

Verstehen und Vergeben: Interview mit Jan de Cock über Kernthemen der Restorative Justice

Für die Anfang Dezember erscheinende Ausgabe des TOA-Magazins (3/2015) haben wir den belgischen Soziologen und Buchautor Jan de Cock interviewt. Wenn er auf Reisen geht, wählt er wahrlich unkonventionelle Unterkünfte aus. Für sein erstes Buch „Hotel Prison“ ließ er sich in hundert Gefängnissen einquartieren, um dort intimste Einblicke in die Gefängnissysteme dieser Welt zu erhalten und mehr über die dort inhaftierten Menschen zu erfahren. Auf seiner Reise für sein neues Buch „Hotel Pardon“ trifft er auf GastgeberInnen, die ihnen nahestehende Menschen infolge von Gewalttaten verloren haben und den ‚TäterInnen‘ früher oder später vergeben haben. Das gesamte Interview wurde aufgrund des hohen Umfangs zweigeteilt. Als Appetithappen auf das neue TOA-Magazin gibt es an dieser Stelle bereits einen der beiden Teile zu lesen. Der Text kann auch als PDF heruntergeladen werden.

TM: Jan, im Vorwort deines Buches schreibst du, dass du eine „unbändige Sehnsucht danach (hast), Menschen besser verstehen und lieben zu können". Woher meinst du kommt diese Sehnsucht?

Jan: „Happiness is the other”, sagte einmal ein chinesischer Professor, und dem stimme ich absolut zu. Ich glaube, dass ich diese Sehnsucht von meiner Familie mitbekommen habe: Meine Eltern betreiben ein Buchgeschäft, dessen Tür selten geschlossen ist und wo sie jederzeit Flüchtlinge, Menschen mit Behinderungen und viele andere Menschen willkommen heißen. Nicht zuletzt dieser rege Kontakt führte zu ihrer Glückseligkeit.

Eines der größten Hindernisse in der Arbeit mit inhaftierten Menschen liegt in den Vorurteilen, die die Gesellschaft ihnen gegenüber hat. So habe ich mich gefragt, wie ich der Welt mein Gefühl, durch die Inhaftierten selbst ein besserer Mensch zu werden, verständlich machen könnte. Und wie hätte ich dem Wesen der Menschen noch näher kommen können, als mit ihnen in ihrer Zelle die Nacht und die verfaulten Bohnen zu teilen? Während dieser Momente konnte ich die Inhaftierten besser verstehen und auch ihre Glaubwürdigkeit gewinnen, um der Welt vom Leben in den Gefängnissen und der Schönheit zu erzählen, die in jedem dieser Menschen steckt.

Man sollte stets versuchen, den Herzen der Menschen, mit denen man arbeitet, so nah wie möglich zu kommen. Als ich zum Beispiel als Lehrer in Belgien gearbeitet habe, unterrichtete ich die erste Klasse, die Kleinen. Nach einer Woche entschied ich mich dazu, mich hinzuknien und einen Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive zu erhalten. Anschließend brachte ich in meinem Klassenraum alle Poster auf die Höhe von einem Meter. Ein ähnlicher Gedanke kam mir, als ich für zehn Jahre in einem Krankenhaus in Belgien gearbeitet habe. Häufig habe ich mir gedacht, dass man die Ärzte und Krankenschwestern regelmäßig ins Bett stecken sollte, damit sie dort von anderen gewaschen werden. Genauso gut könnten sie sich auch mal einer Endoskopie oder einer anderen medizinischen Untersuchung unterziehen. Solche Erfahrungen würden ihnen dabei helfen, die Patienten besser zu verstehen.

Bei mir war es mit den Inhaftierten ähnlich. Ich hatte mit ihnen bereits über fünfzehn Jahre gearbeitet, bevor ich meine erste Nacht in einem Gefängnis verbracht habe – seitdem hat sich mein Leben verändert. Übertragen auf meine Arbeit mit Betroffenen von Straftaten soll das nicht heißen, dass ich darauf warte, selbst ‚Opfer‘ eines schweren Verbrechens zu werden. Aber auf meinem Weg zum Glück möchte ich zumindest denjenigen ganz nahe sein, die so etwas erlebt haben.

TM: Damit wären wir beim Thema deines neuen Buches: Wie hast du dich auf die Treffen mit den Angehörigen der Ermordeten vorbereitet?

Jan: Für meine zweite Reise brauchte es keine allzu großen Vorbereitungen. Ganz im Unterschied zu den Vorbereitungen für „Hotel Prison“. Um mit den Situationen in den Gefängnissen besser zurechtzukommen, habe ich im Vorfeld zum Beispiel gelegentlich neben dem Bett geschlafen oder Mahlzeiten ausgelassen. Für „Hotel Pardon“ wollte ich so vorbehaltslos wie möglich in den Häusern der ‚Opfer‘ eintreffen. Die Entscheidung, offen für ihren Geschmack und ihre Farben zu sein, die Überraschung und das Erstaunen über ihren Weg, den sie gewählt haben, um ihr Leben weiterzuleben, hat uns miteinander verbunden. In diesem Fall erfüllte meine Naivität, mit der ich die Menschen besucht habe, ihren Zweck.

TM: Du hast auf deiner letzten Reise die unterschiedlichsten Menschen kennen gelernt, die es geschafft haben, den Tatverantwortlichen zu vergeben. In diesem Jahr wurde in Deutschland das Gerichtsverfahren gegen den 94-jährigen Oskar Gröning, einem ehemaligen SS-Unterscharführer, ein Verfahren wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen geführt. Er wurde zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt. Eva Mozes Kor, eine Auschwitz-Überlebende, hatte ihm im Gerichtssaal die Hand gegeben, ihm für seine Taten vergeben und forderte von ihm Verantwortungsübernahme in Form von Aufklärung. Sie hielt es für sinnlos, einen Mann in diesem Alter ins Gefängnis zu sperren. Damit löste sie kritische Stimmen – u. a. auch von anderen NebenklägerInnen – aus, die sie als „Verräterin“ bezeichneten und ihr den Selbstzweck der „öffentlichen Inszenierung“ vorwarfen. Ihr Vorschlag wurde nicht ernsthaft diskutiert. Kannst du diese Reaktionen nachvollziehen?

Jan: Als Hilde Van Geel beschloss, den Mörder ihrer Schwester zu besuchen, in Dutzenden Gefängnissen über die Wichtigkeit von Vergebung zu sprechen und die Initiative Within-Without-Walls mitzugründen, wurde sie dafür von ihrem Ehemann kritisiert. Ihr Sohn warf ihr vor, diesem „Stück Scheiße“ (dem ‚Täter‘) mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als ihm. Nachdem Jahre vergangen waren und ihre Familie erleben konnte, wie Hilde eine immer glücklichere Person wurde, sind sie ihr gegenüber milder geworden. Der Verarbeitungsprozess von Menschen verläuft individuell unterschiedlich, die Zeit ist hierbei ein Verbündeter.

Dale und Diane Lang verloren ihren Sohn Jason bei einer Nachahmungstat in Kanada, acht Tage nach dem Amoklauf in Columbine. Natürlich waren sie am Erdboden zerstört. Doch bereits fünf Tage nach dem Drama und dem Gedenkgottesdienst waren sie dazu in der Lage, wiederaufzustehen und dem Schützen zu vergeben. PsychologInnen, RichterInnen und andere Menschen haben die beiden fragt, wie Vergebung innerhalb so einer kurzen Zeitspanne möglich sein könne. Andere Eltern, deren Kinder ebenfalls getötet worden sind, fragten sich, ob die Langs ihren Sohn genauso geliebt haben, wie sie ihre Kinder geliebt haben. Wenn man die Langs selbst fragt, wie sie dem ‚Täter‘ innerhalb so weniger Tage vergeben konnten, erklären sie diese Kraft mit ihrer langen Beziehung zu Gott.

Ein anderes eindrückliches Beispiel für ‚Vergebung‘ stammt von Claudia: Eines Tages war sie mit ihrem dreijährigen Sohn in einer abgelegenen Gegend von Columbia unterwegs, als sie von einem Mann angesprochen und belästigt worden war. Als sie sich ihm widersetzte, zog er einen Revolver aus seiner Tasche und tötete ihr Kind vor ihren Augen. In den darauf folgenden Jahren kam Claudia fast um vor Trauer. Als sie eine Gruppe von Frauen kennenlernte, die sich ehrenamtlich für ältere Menschen, Waisenkinder und Inhaftierte engagierten, veränderte sich ihr Leben. Als sie schließlich den Mann im Gefängnis traf, der ihren Jungen getötet hatte, war sie verwirrt. Aber sie hörte sich seine Geschichte an. Sie hörte ihm zu, als er von seiner Kindheit und seiner Jugend erzählte, und sie bekam Mitleid mit ihm. Sie versprach ihm, ihn eines Tages wieder zu besuchen. Schließlich besuchte sie ihn immer und immer wieder und die beiden verliebten sich ineinander. Inzwischen sind sie verheiratet und Claudia erwartet von ihm ein Baby. Man kann sich vielleicht ein ungefähres Bild davon machen, wie viel Kritik und Unverständnis ihr daraufhin begegnet sind. „Wenn es bei Vergebung um Liebe geht und bei Liebe um Vergebung, dann bin ich darin eine Expertin“, sagt sie.

TM: Angebote der Begegnung und der Versöhnung zwischen ‚Tätern‘ und ‚Opfern‘ können eine starke, heilende Wirkung auf die Betroffenen als auch indirekt auf die Gesellschaft haben. Wenn du starken politischen Einfluss hättest und die Kriminalpolitik zumindest in deinem Land verändern könntest, was würdest du als erstes tun?

Jan: Wir müssen mehr über Restorative Justice sprechen, nicht nur über die Strafjustiz. Die Geschichten und die Erfolge müssen in den Medien, im Bildungsbereich, in der Ausbildung von Gefängnisbediensteten und in vielen anderen Bereichen erzählt werden. RechtsanwältInnen spielen hierbei eine ebenfalls große Rolle. Viel zu häufig besteht deren einziges Ziel in der Verteidigung ihrer KlientInnen, indem sie die Gegenseite ‚anspucken‘, sie bis auf die Knochen ‚brechen‘ und die längst möglichste Haft einfordern. Später appelliert das System dann an Organisationen und Personen, die Inhaftierten ‚wiederherzustellen‘. Die Fragen, die man sich vielmehr stellen sollte, sind: Wie kann Gerechtigkeit erzielt und wie können Menschen geheilt werden, ohne dass eine gegenseitige ‚Schlammschlacht‘ Teil eines solchen Prozesses ist?

Aba Gayle, eine Dame in den 80er Jahren, ist für mich gerade in diesem Punkt eine sehr inspirierende Frau. Vor vielen Jahren wurde ihre Tochter von deren Freund getötet. Über acht Jahre spürte Aba Gayle in sich nur Wut und Hass, bis sie eines Tages eine Vision erhielt, in der sie gebeten worden ist, dem ‚Täter‘ zu vergeben. „War es meine Tochter Catherine, die mich darum gebeten hat?“, hat sie sich gefragt. „Das einzige was ich wusste war, dass ich dieser Erscheinung nachzukommen hatte.“ Nach einem langen Weg durch die US-amerikanische Bürokratie erhielt sie letztendlich die Erlaubnis, den Mann zu besuchen, der ihr ihr wunderbares Kind genommen hatte. Doch allein bei den Besuchen sollte es nicht bleiben: Sie wurde eine wichtige Botschafterin im Kampf für die Abschaffung der Todesstrafe in den USA. „Wenn ich gewusst hätte, was ich jetzt weiß“, sagte sie, „hätte ich keine acht Jahre lang leiden müssen.“ Es ist aus meiner Sicht unsere Pflicht, die Menschen vor noch mehr Leid zu bewahren.

Eine abschließende Frage: Für welche Themen ‚brennst‘ du außerhalb der „Täter-Opfer-Thematik“?

Jan: Für die Palliativpflege. Seit vielen Jahren verbinde ich meine Freiwilligenarbeit in den Gefängnissen mit einem Job im Krankenhaus. Tausende Insassen lehrten mich Freiheit, tausende von Patienten nahmen mir meine Angst vor dem Tod. Es liegt so viel Schönheit in der ‚Nacktheit‘ von Männern und Frauen, vor allem, wenn es um Menschen geht, die leiden, die krank oder eingesperrt sind, die vorm Krieg flüchten, etc. Ich habe nicht die Absicht, ihren Schmerz auszublenden. Es ist eine Frage der Willenskraft das Schöne darin sehen zu können. Und ich möchte eins hinzufügen: Das größte Problem am Sterbebett ist die Vergebung. Bitte seht hierin die Einladung: Wartet nicht so lange, den schwierigsten Kuchen – Vergebung – erst anzugehen, wenn ihr in der Zelle oder im Sterben liegt. Geht ihn jetzt an.

Fortsetzung im TOA-Magazin 3/2015

(Interview und Übersetzung: Christoph Willms)

 

Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz 

Mitglied im:

European Forum for Restorative Justice Bundesverband Meditation

 

 

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