TM 02/2014 Erkenntnisse, Erfahrungen, Analysen - der TOA von außen betrachtet

  TM 02/2014

  "ERKENNTNISSE, ERFAHRUNGEN, ANALYSEN –

    DER TOA VON AUSSEN BETRACHTET"

   Inhaltsverzeichnis:

  •  Prolog
  •  Der TOA in der Staatshypnose: mehr Bewegung wagen!  
  •  Der TOA analysiert durch die Transaktionsanalyse (TA)
  •  "Mein Mann ist Mediator"
  •  Blick einer Gleichstellungsbeauftragten
  •  Strafe, Canetti und der TOA
  •  Personenvorstellung: Sonja Lingelbach
  •  15. Forum für Täter-Opfer-Ausgleich
  •  Literaturtipps
  •  Link(s)
  •  Recht(s)
  •  International
  •  Berichte aus den Ländern
  •  Impressum

 

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Unserem Verständnis von Strafe liegt ein Befehlscharakter zugrunde.

Der  Bestrafte  soll  sich  bessern  und  nicht  rückfällig  werden.  Dies  ist  erwiesenermaßen  eine Fehlannahme. Es liegt an dem Charakter des Befehls, wie Elias Canetti ihn herausarbeitet.  Was aber passiert mit dem Befehl im Ausgleichsgespräch des TOA?

Das  Abstrafen  von  Delinquenz  ist  immer  als Übelzufügung  und  Herstellung  eines  Ausgleichs zu verstehen. Dabei spielt es keine Rolle wie hart oder milde eine Strafe ist. Die Rückfälligkeit ist vorprogrammiert, da der oder die Verurteilte versuchen wird, den Zwang umzukehren. Strafe als Mittel, Macht zu produzieren und  zu  reproduzieren,  wirkt  dadurch nicht nur  auf  die  Bestraften,  sondern  auch  auf  die Strafenden.  Strafende  müssen  weiterhin  bestrafen, weil die Umkehrung der Strafe einem Verlust an Macht gleichkommt.

Die  Sublimierung  von  Strafe  ist  Teil  jedes Strafsystems. Eine Form der Sublimierung der Strafe  ist  der  Großmut  bzw .  die  Gnade.  Dadurch wird der Wille ausgedrückt zu verzeihen. Strafende behalten sich die Macht der Gnade vor, denn nur Mächtige können Gnade zeigen. Die Gnade ist also, wie die Strafe, ein strategisches Mittel um Macht zu generieren. Gnade und Strafe kommen von außen und wirken auf das Innere der Verurteilten bzw. Begnadigten. Es stellt sich daher die Frage, ob der Täter-Opfer-Ausgleich  (TOA)  als  direkte  Konfrontation mit der Schuld als Weg gesehen werden kann, um aus dem Kreislauf der Strafe auszubrechen und  so  dem  Erhalt  der  Macht  durch  das  Zusammenspiel von Gnade und Strafe zu entgehen. Dies soll im Weiteren mit Hilfe von Elias Canettis Befehlstheorie erläutert werden.

Masse, Macht und Befehl – Canettis Theorie

1960 entwickelte Elias Canetti in seinem philosophischen Hauptwerk Masse und Macht eine Theorie des Befehls, die durch ihre Einfachheit und  Klarheit  besticht.  1931  promovierte  er  in Wien in Chemie, widmete sich aber vor allem der Literatur. Auch in seinen philosophischen Überlegungen  scheint  die  Eloquenz  des  Literaten durch. In Masse und Macht setzt Canetti diese beiden Schlüsselbegriffe in das Zentrum  seiner Überlegungen zum Verständnis von Gesellschaft. Canetti konstatiert, dass die Gesellschaft  dem  zwanghaften  Mechanismus  von Befehl und Gehorsam ausgesetzt ist. Im Zuge der Aufarbeitung des Faschismus lag vor allem der Gehorsam im Fokus der wissenschaftlichen Betrachtung. Nennenswertes Beispiel ist das  Milgram-Experiment von  1961, in dem  der  u.s.-amerikanische  Psychologe  Stanley Milgram die Bereitschaft der Versuchspersonen untersuchte, autoritären Anweisungen Folge zu leisten, obwohl diese im Widerspruch zu ihrem Gewissen stehen.

Der Befehl an sich aber wurde kaum betrachtet,  was  Canetti  zu  Folge  dem  indiskutablen und endgültigen  Charakter  des  Befehls  und seiner  Omnipräsenz  im  Alltag geschuldet  ist. Jedes Individuum besitzt eine Biographie der Befehle,  beginnend  in  der  Kindheit.  Dadurch wird der Befehl unbewusst als etwas Normales oder Natürliches wahrgenommen. Canetti bezieht  klar  Stellung  gegen  den  Befehl,  den er  als  einen  rein  negativen  Begriff  bestimmt, da  er  die  persönliche  Freiheit  einschränkt. Folglich kann ein freier Mensch nur derjenige sein, der  es  verstanden  hat,  Befehlen  auszuweichen.  Der  Befehl  ist  per  Definition  immer eine  Einwirkung  von  außen.  Innere  Zwänge, Triebe also, werden ohne Probleme und negative Konsequenzen befolgt. Da Befehle von außen  kommen,  werden  auch  die  Handlungen, die  sie  auslösen,  als fremd  wahrgenommen. Der Ursprung des Befehls ist nicht nur etwas Fremdes oder Externes, sondern immer etwas Mächtigeres als die, die den Befehl empfangen. Es wird gehorcht, weil nicht mit Aussicht auf Erfolg  gekämpft  werden  kann: Wer  siegt,  befiehlt. Die Macht des Befehls kann also nicht in Frage gestellt werden. Je mehr Befehle gesendet werden, desto größer wird die Macht der Befehlenden.

Die zwei Teile des Befehls:  Stachel und Antrieb

Auf den ersten Blick, so Canetti, ist der Befehl etwas  Einfaches  und  Einheitliches,  sodass  er absolut  und  unbezweifelbar  erscheint.  Um ihn wirklich zu verstehen, zerlegt Canetti den Befehl in ,Antrieb‘ und ,Stachel‘. Canetti unterscheidet jedoch zwischen Befehlen an Einzelne und Befehlen an Mehrere. Ihm zufolge hinterlassen nur Befehle an den Einzelnen einen Stachel. Der Befehl an den Einzelnen soll im Weiteren näher erläutert werden. Der Antrieb als einen Teil des Befehls, zwingt den Empfangenden zur Ausführung, und zwar so,  wie  es  dem  Inhalt  des  Befehls  gemäß  ist. Der Stachel bleibt in dem Individuum zurück, das  den  Befehl  ausführt.  Er  gräbt  sich  in  die Seele des Menschen, wird zum Teil der Persönlichkeit und der Biographie und beinhaltet den Befehl  in seiner  Kraft, Tragweite und Begrenzung. Demzufolge geht ein Befehl nie verloren – auch wenn es Jahre oder Jahrzehnte dauert bis er wieder zum Vorschein kommt. Unverändert wird der erteilte und erfüllte Befehl von der ehemaligen Empfängerin oder dem Empfänger  weitergegeben,  sobald  sie  oder  er  in eine Situation gelangt, die derjenigen ähnelt, in der der Befehl empfangen wurde, und in der sie oder er als Befehlender auftreten kann . Das Wiederherstellen  solcher  frühen  Situationen, aber  in Umkehrung,  ist  eine  wichtige  Quelle der  seelischen  Energie  des  Individuums. Die Umkehrung  des  Befehls  ist  die  einzige  Möglichkeit,  sich  vom  Stachel  zu  befreien.  Wird derselbe  Befehl  aber  ständig  von  gleichen oder  unterschiedlichen  UrheberInnen  erteilt, werden die alten Stacheln immer wieder von neuen überdeckt. Dies hat zur Folge, dass die gesetzten  Stachel  nicht  isoliert  bleiben,  sondern sich zu einem monströsen Stachel verbinden. Von  diesem  monströsen  Stachel  können sich  die  Einzelnen  nur  in  der  Masse,  der  von Canetti als ,Umkehrungsmasse‘ bezeichneten, befreien . Sie bildet sich aus vielen Individuen zur gemeinsamen  Befreiung  von  Befehlsstacheln. Da sie als Einzelne den Befehlsstacheln ausgeliefert  sind,  wenden  sie  sich  als  Masse gegen eine Gruppe von anderen, in denen sie die UrheberInnen aller Befehle ausmachen. In Revolten und Aufständen findet sich diese Umkehrungsmasse.

Befehlswirkung im Befehlenden: Rückstoß und Angst

Der Befehl, der einen Stachel bei denen hinterlässt,  die  den  Befehl  ausführen,  besitzt  auch eine Wirkung auf die, die den jeweiligen Befehl erteilen. Diese Wirkung wird größer, je näher die  Befehlenden  an  der  Befehlsquelle  sitzen. Es spielt deshalb eine Rolle, ob der Befehl weitergegeben wird oder ob der Befehl aus einem selbst entspringt. Jeder Befehl, der erteilt wird, hinterlässt  einen  Rückstoß  bei  den  Befehlenden. Je größer die Anzahl der Befehle ist, desto  größer  ist  die  Anzahl  der  Rückstöße.  Diese Rückstöße  sammeln  sich  und  bilden  bei  den einzelnen  Befehlenden  ein  Gefühl  der  Angst. Diese  Angst  nennt  Canetti  die  Befehlsangst. Sie  entsteht  dadurch,  dass  jeder  erfolgreich  erteilte  Befehl  den  gehorsamen  BefehlsempfängerInnen einen Grund zur Rache bzw. Umkehrung, gibt.

Strafe als Befehl

Es gibt nicht nur Parallelen von Strafe und Befehl, sondern die Strafe selbst stellt einen Befehl bzw. einen Imperativ zur Normtreue dar. Strafe, in unserer heutigen Gesellschaft und in der Theorie, verfolgt mehrere unterschiedliche Ziele:  Vergeltung,  Prävention  und  Resozialisierung.  Abgesehen  von  der  Vergeltung  wird in der theoretischen Auseinandersetzung mit Strafe dieser implizit ein Befehl zu Grunde gelegt:  Die  Normkonformität  soll  (wieder-)  hergestellt und gesichert werden. Die Formen der Bestrafung in unserer Gesellschaft  sind  auf  ein  Minimum  reduziert:  Berufsverbot,  Geldstrafe,  Haftstrafe,  Bewährung und die gemeinnützige Arbeit. Trotz Schaffung eines Raumes zum Zwecke der Disziplinierung, und zwar dem Gefängnis, ist die Rückfallquote sehr hoch und die Kosten enorm. Oberflächlich bedeutete die Entwicklung hin zum Gefängnis als  primäre  Strafmethode  einen  Fortschritt und eine Humanisierung der Strafpraxis. Die Grausamkeit der mittelalterlichen Marter veränderte sich jedoch nur in ihrem Ziel und in ihrer Erscheinung, nicht jedoch in ihrer Intensität. Diese Intensität wird durch den Raum des  Gefängnisses  und  der  Struktur  des  Gefängnislebens  produziert.  Das  Gefängnis  ist  eine totale Institution: Die Häftlinge sind in ihrem jeweiligen  Tagesablauf  vollkommen  fremdgesteuert:  Ihnen  wird  vorgeschrieben  wann, wie und was sie zu essen bekommen, wann sie Licht  in  der  Zelle  haben,  welche  Kleidung  sie tragen und mit welchen Menschen sie Kontakt haben  dürfen.  Intimität  gibt  es  nicht,  da  die einzelnen Häftlinge, egal zu welcher Zeit, kontrolliert werden können. Die  Verurteilten  sehen  sich  also  verschiedenen  Zwängen  und  Machtmechanismen  ausgesetzt .  Der  Urteilsspruch  legt  fest,  ob  und wann  eine  Strafe  angetreten  werden  muss. Das  Nichtantreten  der  Strafe  kann  negative Folgen  für  die  Bestraften  mit  sich  bringen. Wird die Delinquentin oder der Delinquent zu einer  Geldstrafe  verurteilt  und  begleicht  sie, endet die Kette äußerer Zwänge und somit die Befehlskette.  Wird  aber  eine  Gefängnisstrafe angetreten, läuft die Befehlskette immer fort. Aus Furcht vor Repressionen werden die Verurteilten mehr oder weniger den Anweisungen des Wachpersonals und Gefängnisleitung Folge leisten. In den Gefängnissen spielt die Disziplin und deren Herstellung eine bestimmende Rolle. Diese Disziplin wird mit Hilfe von Befehlen hergestellt.

Wie stellt sich das im modernen Strafsystem eines Rechtsstaates dar?

Strafe, wie sie heute durch den modernen Staat praktiziert wird, zielt und wirkt auf das Individuum. Durch die Strafe, die Totalität ihres Systems und ihres Untersystems Gefängnis, wird Rückfälligkeit  generiert.  Die  Bestraften  sind ständig  mit  Befehlen  konfrontiert,  denen  sie nicht  ausweichen  können  und  nachkommen müssen, da sie sonst bestraft werden . Der einzelne Mensch kann diese Befehle niemals umkehren,  wie  er  den  Strafbefehl  nie  umkehren kann, der an der Spitze der Befehlskette steht.  Bleibt man bei Canetti und seinem Befehlsbegriff, bleibt jeder Impuls den Befehl umzukehren, bloß ein Versuch. Nie wieder werden entlassene Sträflinge selbst den Befehl in gleicher Situation  weitergeben  können.  Es  wird  nach Alternativen  gesucht  werden,  den  Befehl  der Strafe auf den Befehlenden, den Staat, umzukehren. Der Staat verurteilt im Namen von Gesetz und Gesellschaft. Dies führt dazu, dass die ehemaligen Sträflinge im Versuch der Umkehrung  des  Befehls  zur  Normkonformität  und Besserung,  dem  Staat,  der  Gesellschaft  eine Gegennorm  quasi  als  Befehl  aufdrängen.  Sie werden in der Sprache des Staates rückfällig. Diese Rückfälligkeit muss wiederum geahndet werden. Gegennormen können nicht zugelassen  werden,  da  diese  die  Machtverhältnisse untergraben würden.

Wie  bereits  angedeutet,  ist  auch  die  Sublimierung  von  Strafe  ein  Teil  einer  Ökonomie der  Macht .  Durch  die  Sublimierung  wird  die Macht nicht in Frage gestellt, denn sie ist Teil des Rechtssystems und von Normierungsprozessen. Die Sublimierung der Strafe durch die informelle  Erledigung  ist  eine  Möglichkeit, das Verfahren mit oder ohne Auflagen einzustellen.  Mit  dem  Blick  auf  die  gegenwärtige Sanktionspraxis  verweisen  StrafrechtlerInnen und KriminologInnen auf einen beispiellosen Wandel in den letzten 100 Jahren. Es wird auf eine ständige Abnahme vollstreckter Freiheitsstrafen zu Gunsten der vermeintlich milderen Geldstrafe verwiesen. Doch folgt die Geldstrafe den gleichen Prämissen wie die Freiheitsstrafe. Sie  stellt  keine  befriedigende  Alternative  dar, denn  dadurch  werden  auf  ein  Problem  nur weitere geladen – versinnbildlicht in den Canettischen Stacheln .

Was passiert im TOA?

Die einzige Reaktion, die gewichtige Gegenakzente dazu setzen kann, sind Formen der Restorative  Justice  wie  der  Täter-Opfer-Ausgleich. Der  TOA  macht  den  TäterInnen  ihr  Handeln und dessen Konsequenzen bewusst, für die sie die Verantwortung übernehmen müssen, ohne dabei  entsozialisierend  und  desintegrierend zu wirken. Als integrierende Sanktion vermag der TOA das Normlernen fördern. In der direkten  Kommunikation  auf  gleicher  Ebene  mit dem Opfer kann die Täterin oder der Täter einsichtig  werden.  Dadurch  wird  die  Erkenntnis der Schuld zu etwas eigenem. Die aufgezwungenen Schuldgefühle der Strafe können nicht mehr externalisiert und neutralisiert werden. Durch den inneren Antrieb – ein gewünschter Effekt des TOAs – wird der in der Strafe liegende Befehl  entkräftet.  Für  Canetti  empfindet  kein unbefangener Mensch es als Unfreiheit, seinen eigenen  (An-)  Trieben  zu  folgen,  da  der  oder die Betroffene das Gefühl hat, aus sich selbst heraus  zu  handeln.  Die  Stacheln  des  Strafbefehls  und  die  daraus  folgenden  weiteren  Befehle werden nicht gesetzt, womit auch keine Notwendigkeit der Umkehrung besteht. Auch wenn die direkte Konfrontation der TäterInnen mit ihrer jeweiligen individuellen Schuld, also auch der TOA, als Teil von Macht zu sehen ist, da Normen durchgesetzt werden, sind die negativen  Effekte  auf  das  Individuum  geringer. Deshalb ist der TOA im Canettischen Sinne als humanere  Praxis  zu  verstehen.  Die  geringere Rückfallquote im TOA ist ein Indiz dafür, dass die Stachel nicht gesetzt werden und es keinen Grund  mehr  zur  Umkehrung  gibt.  Auch  das Opfer bzw. die Gesellschaft mit ihrem Strafbedürfnis profitieren im Sinne Canettis vom TOA, da sie sich nicht vor der Befehlsangst und der Umkehrung  fürchten  müssen.  Der  TOA  dient beiden  Parteien jenseits einer  hierarchischen Befehlsstruktur. Sowohl Opfer als auch TäterInnen werden in ihrer Subjektivität gestärkt. Die sozialen Label von Opfer und Täter sind damit keine  endgültigen  und  ausschließlichen. Sie werden in der ganzen Persönlichkeit wahrgenommen. Dadurch ist der TOA auch im Sinne der Canettischen Befehlstheorie ein adäquates und  nachhaltiges  Mittel,  um  dem  endlosen Kreislauf der Strafe und ihrer Befehlsstacheln zu entgehen.

 

Literatur:

Abrahams, Ray (1998). Vigilant Citizens: Vigilantism and the State. Malden, Oxford, Carlton: Blackwell Publishing;

Bannenberg,  Britta  &  Rössner,  Dieter  (2005).  Kriminalität  in  Deutschland. München: C. H. Beck;

Behr, Rafael (2013). Die Kultur der Staatsgewalt. WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung, 10. Jg., H.1, S. 90-101;

Benda,  Beckmann,  Franz  v.  (2006).  Rechtsethnologie.  In:  Bettina  Beer/Hans  Fischer  (Hrsg.).  Ethnologie:  Einführung  und  Überblick,  S. 179-196. Berlin: Reimer;

Benda-Beckmann, Franz v. & Benda-Beckmann, Keebet v. (Hrsg.) (2007). Gesellschaftliche  Wirkung  von  Recht:  Rechtsethnologische  Perspektiven. Berlin: Reimer;

Canetti,  Elias  (2011).  Masse  und  Macht.  Frankfurt  am  Main:  Fischer Taschenbuch Verlag;

Elsbergen, Gisbert v. (2004) (Hrsg.). Wachen, kontrollieren, patrouillieren: Kustodalisierung der inneren Sicherheit. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften;

Focault, Michel (2003). Die Wahrheit und die juristischen Formen. Mit einem Nachwort von Martin Sahr. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag;

Foucault, Michel (1977). Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag;

Khairi-Taraki, John (2010). Strafe, ein apokrypher Befehl: ein canettisches Gedankenexperiment. Psychologie und Gesellschaftskritik, Jg.34 H.3 = Nr. 135, S. 81-97;

Leimgruber, Walter (2004). Kultur und Strafen. Ein vermeintlicher Gegensatz. In: Beat Hächler, Sibylle Lichtensteiger, Nathalie Unternährer (Hrsg.): Strafen: Ein Buch zur Strafkultur der Gegenwart. (S. 11-15) Baden: hier+-jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte;

Wesel, Uwe (2007). Fast alles was Recht ist: Jura für Nicht-Juristen. Frankfurt am Main: Eichborn.

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* = John Khairi-Taraki hat Kulturwissenschaften in Marburg studiert. Einer seiner Interessenschwerpunkte ist Strafe in der ethnologischen und kulturanalytischen Betrachtung.

Nicht  nur,  weil  ich  eine  friedliebende Persönlichkeit  bin  –  nein,  es  hat  auch facettenreiche Wirkungen auf unser Zusammenleben  als  Paar,  als  Familie,  als Teil  eines  bunten  Freundeskreises  und auf meine Berufstätigkeit.

Mein Mann ist seit 1998 Mediator im Jugendstrafrecht.  Zu  dieser  Zeit  hatten  wir  ein  Kind im Alter der Zielgruppe, heute ist das nächste Kind soweit. Die Arbeit mit dieser Altersgruppe bringt unmittelbar andere Perspektiven auf das eigene Wirken als Elternteil mit sich und auf  die  Lebenswelt  der  eigenen,  heranwachsenden  Kinder.  Ich  erlebe  meinen  Mann  im Zwischenraum zwischen den eigenen Sozialisationserfahrungen als Jugendlicher im kleinstädtischen  DDR-Umfeld,  den  Möglichkeiten, die unsere Kinder hier und heute in der Großstadt  haben  und  seinen  Werten  und  Erwartungen als Vater. Die Arbeit an den manchmal sehr  extremen  Fallbeispielen  eröffnet  neue Horizonte jugendlicher Handlungsweisen und lassen ihn dabei milder auf eigene Erziehungsherausforderungen  schauen.  Gelegentlich sind anonymisierte Fälle auch mal Thema am Abendbrottisch im Familienkreis. Unser jüngster Sohn (17) lauscht dann mit rhabarberblättergroßen  Ohren.  Vom  ihm  erfahren  wir  oft Hintergrundwissen  und  Halbwahrheiten  zu neuen Trends in der Jugendkriminalität, über die wir ohne diese Initialzündung wohl nie gesprochen hätten . Wir bekommen so aber auch mit,  welche  Erfahrungen  unser  Jüngster  mit grenzwertigem Verhalten hat bzw. seine Meinung zu kriminellen Handlungen.

Ein  anderer Teil  unserer  wachsenden  Familie konnte  jüngst  aus  den  vermittelnden  Fähigkeiten  meines  Mannes  Nutzen  ziehen:  Das junge  Paar  steckte  nach  intensiver  Zeit  des Studierens und parallel dazu Aufziehens zweier Kinder in einem Irrgarten der Kommunikation. Beiden gab er in einer Moderation Raum und  Zeit,  das  auszusprechen  und  anzuhören, was den/die andere/n aktuell bewegt, wichtig ist, fehlt oder was es für Wünsche gibt bezüglich des gemeinsamen Umgangs. Jetzt haben sie ganz offensichtlich wieder einen besseren Draht  zueinander,  gehen  aufmerksamer  miteinander um und sind ihm dankbar für seine fachlichen  Fähigkeiten,  seine  Wachsamkeit und Beherztheit.

Ich selbst arbeite als Sozialarbeiterin bei einer großen  Wohnungsgenossenschaft.  Nachbarschaftskonflikte  der  verschiedensten  Art  und Eskalationsstufen  gehören  zu  den  Herausforderungen,  die  meine  Arbeit  mit  sich  bringt. Während  wir  bei  starren  Konflikten, z. B. mit jahrelangen  Vorgeschichten  und  vielen  Beteiligten, einen externen Mediationsverein in Anspruch nehmen, fallen oftmals beginnende Konflikte  oder Verständigungsnöte  innerhalb der  Nachbarschaft  oder  mit  der  Wohnungsverwaltung in meinen Arbeitsbereich . Im Studium hatte ich ein Semester zu Mediation belegt. Das hat mir lediglich Grundlagenwissen und  grobes  Handwerkszeug  mit  auf  den  beruflichen Weg gegeben. Wie hilfreich kommen mir da die Arbeitserfahrungen meines Mannes zugute, wenn es heißt, sich den Beteiligten zu nähern, ihnen zuzuhören, sie für den ganzen Konflikt  zu  sensibilisieren,  Eigenverantwortung zu verdeutlichen und Bereitschaft zu wecken, sich aktiv um die Wiederherstellung des Hausfriedens  zu  bemühen.  Andererseits  war mir sein kritischer, distanzierter Blick auf meine Arbeit auch sehr hilfreich, als es für mich an der Zeit war, mir fachliche Kollegen/innen zu suchen, zum Austausch bzw. zur Supervision. Bis heute erlebe ich diese Arbeit als Mediator für meinen Mann als erfüllende Tätigkeit, die Broterwerb und Passion miteinander auf vielfältige Weise  verbindet.  Das  belebt  ihn,  trägt ihn. Dafür bin ich dankbar!

Da hat Herr Müller aber wieder zugeschlagen. In seinem Buch Schluss mit der Sozialromantik erklärt er dem geneigten Leser, was  im  Strafrecht  so  alles  schief  laufe,  und  dass  die  Strafrichter als die wahren Erzieher und Überväter der Republik, mit viel Macht ausgestattet, sozusagen die Einzigen seien, die das Phänomen der Jugendkriminalität in den Griff bekommen könnten – wenn man sie nur lassen würde.
 
So bedauert er in einem Interview mit der Legal Tribune: „Derzeit  haben  Sie  als  Jugendstrafrichter  aber  keinerlei  Handhabe gegen die Eltern oder Geschwister (des/der TäterIn, Anm. d. Red.), weil das allein Sache des Familienrichters ist“: Und so fordert er: „Das müsste in einer Hand gebündelt werden.“ Damit meint er nicht die Hand des Familienrichters. Alle anderen Ansätze, die sich vorsichtiger um Antworten auf das Phänomen  Jugendkriminalität  bemühen,  kriminologische  Erkenntnisse in ihr Handeln einfließen lassen, Opfer in den Dialog einbeziehen und sich lange nicht so arrogant in den Vordergrund stellen, nennt er diffamierend ‚Sozialromantiker‘, die er wohl im permanenten sentimentalen Zustand der Gefühlsduselei wähnt .
 
Dabei zeigt sich Herr Müller von der empirischen Forschung völlig unbeeindruckt und hat selbst sehr unrealistische Vorstellungen, was die Effektivität und den Nutzen von freiheitsentziehenden Maßnahmen betrifft. Zumindest sind sie in keiner Studie auch nur annähernd bestätigt. Als Replik auf seinen Aufmerksamkeit erheischenden  Buchtitel  Schluss  mit  der  Sozialromantik  könnte  man  deshalb  seine Vorstellungen  durchaus  als ‚romantisch‘ bezeichnen. Auf uns wirken seine Thesen aber eher ‚burnoutgeplagt‘.
 
Wer sich sachlich mit dem Thema auseinandersetzen will, sollte die Stellungnahme der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen e. V. auf der Website des TOA-Servicebüros in der Rubrik Bibliothek nachlesen .
 
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* = Gerd Delattre ist Leiter des TOA-Servicebüros.